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31. Mai 2026

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Nacht · Bd. I

Zwanzig Jahre Berghain: Eine Bilanz der Berliner Klub-Kultur

Vom Ostgut zum Wriezener Karree: Wie das Berghain seit 2004 die Berliner Club-Landschaft prägt — und welche institutionellen Folgen die Senats-Anerkennung 2019 hatte.

Im Oktober 2004 öffnete im ehemaligen Heizkraftwerk an der Wriezener Karree, im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, ein Klub mit dem Namen Berghain. Norbert Thormann und Michael Teufele, die zuvor das Ostgut an der Mühlenstraße betrieben hatten, suchten nach dessen Schließung 2003 wegen Abriss einen neuen Raum. Sie fanden ihn in einem stadtbildprägenden Industriebau aus den 1950er Jahren, dessen Hauptsaal eine Deckenhöhe von achtzehn Metern aufweist. Im Mai 2026 ist das Berghain einundzwanzig Jahre alt — ein Alter, das in der Berliner Klub-Geographie ungewöhnlich ist.

Ostgut, Berghain, Panorama Bar

Die Linie verläuft historisch sauber. Das Ostgut existierte von 1998 bis 2003 in einem ehemaligen Lokschuppen unweit des Ostbahnhofs. Es etablierte das, was später als Berghain-Format bekannt wurde: lange Wochenenden ohne Schließzeit, eine separate House-Etage, eine kompromisslose Tür-Politik. Sven Marquardt, gebürtiger Ost-Berliner und gelernter Fotograf, übernahm im Ostgut die Tür und führt sie bis heute. Im Berghain teilen sich zwei Etagen die Programmlogik: Im großen Saal Techno, in der Panorama Bar House. Der ursprüngliche, dunkel gehaltene Saal-Charakter wird traditionsbewusst gehalten — die Erinnerung an die klassische Konzert-Kunst-Saal-Architektur der DDR ist nicht zufällig.

Tresor, Kater Blau und die Geographie der Berliner Klub-Karte

Das Berghain steht nicht allein. Tresor, gegründet 1991 in den ehemaligen Tresorräumen des Wertheim-Kaufhauses an der Leipziger Straße, zog 2007 in das Heizkraftwerk an der Köpenicker Straße um. Es ist damit die älteste durchgehend betriebene Techno-Institution der Stadt. Kater Blau eröffnete 2014 an der Holzmarktstraße auf einem Genossenschaftsgelände am Spreeufer — Teil des Holzmarkt-25-Projekts, das aus dem ehemaligen Bar25 hervorging. Die Renate, seit 2007 in einem Altbau an der Alt-Stralau ansässig, ist Mitte 2025 wegen Verkaufs des Grundstücks geschlossen worden. Sisyphos im Lichtenberger Gewerbegebiet, About Blank am Markgrafendamm, Salon zur Wilden Renate-Nachfolge in der Erweiterung: Die Karte ist dichter als die internationale Berichterstattung vermuten lässt — aber sie verschiebt sich kontinuierlich.

Die Senats-Anerkennung 2019 und die Mehrwertsteuer-Frage

Eine institutionelle Wende kam im April 2019, als der Berliner Senat — damals unter Rot-Rot-Grün — gemeinsam mit der Clubcommission Berlin eine Förderlinie für Club-Kultur als förderwürdig erklärte. Damit wurde die Berliner Klub-Szene erstmals als kulturelle Infrastruktur eingestuft, vergleichbar mit der freien Theaterszene oder der bildenden Kunst. Die Clubcommission, der Berufsverband der Berliner Klubs, vertritt seit 2001 rund 260 Mitglieder.

Die zweite Anerkennung folgte 2021 auf Bundesebene: Der Bundestag stufte Live-Musik-Konzerte in Klubs umsatzsteuerlich auf den ermäßigten Satz von sieben Prozent ein — die zuvor geltenden neunzehn Prozent hatten die Klubs gegenüber Konzerthäusern und Theatern systematisch benachteiligt. Die Berliner Clubcommission hatte den Vorstoß über Jahre vorbereitet. Die Kategorisierung als Konzertstätte statt als Diskothek bedeutet für die wirtschaftlich angespannten Häuser einen Unterschied von mehreren Zehntausend Euro pro Jahr.

Berlinerinnen, Berliner, Besuchende: Eine Verhältnis-Diskussion

Die Debatte um Tourismus und Klub-Kultur hat sich in den vergangenen Jahren verlagert. Vor zehn Jahren war die Klage über englischsprachige Schlangen vor der Tür ein Berliner Topos. Seit der COVID-19-bedingten Schließung 2020 und der schrittweisen Wiedereröffnung 2021 ist das Bild differenzierter. Das Berghain hat in Phasen mit reiner Konzert-Bespielung — das Klassik-Konzert-Format „Berlin Atonal” oder die Klanginstallationen — gezielt ein anderes Publikum adressiert. Die Tür-Politik schwankt zwischen strikter Reduktion auf Berliner Stamm-Gäste und großzügigerer Praxis je nach Veranstaltung.

Die Frage, was Berliner Klub-Kultur in einer Stadt mit fast vier Millionen Einwohnern und dreizehn Millionen Übernachtungen pro Jahr eigentlich bedeutet, bleibt offen. Die Clubcommission registriert seit 2022 einen kontinuierlichen Rückgang an Spielstätten: knapp dreißig Schließungen in vier Jahren bei rund zwanzig Neueröffnungen. Mietkosten, Bauvorhaben, Anwohnerlärmschutz und die nicht abgeschlossene Pandemie-Erholung wirken zusammen.

Eine Institution, ein Begriff

Das Berghain hat in seinen einundzwanzig Jahren eine kulturelle Position eingenommen, die sich nicht mehr nur an Türen und Tanzflächen messen lässt. Es ist Teil der Berliner Selbstbeschreibung geworden — und damit Gegenstand kritischer Distanz, kommerzieller Vereinnahmung und nüchterner kulturpolitischer Aufmerksamkeit zugleich.


Ressort: Nacht